Alexander-Technik-Schule Berlin-Kreuzberg Jörg Aßhoff

F.M. Alexander

F. M. Alexander

Ein Rezitator ohne Stimme

Wenn er von der Bühne kam, waren Schlachten geschlagen. Könige hatten ihre Widersacher ermordet. Hexen tanzten über die Bühne. Eine tote Frau trieb einen Fluss entlang. Ein junger Mann wurde mit einem Sommertag verglichen. Doch die Stimme, mit der F. Matthias Alexander die Welt Shakespeares lebendig werden ließ, wurde nach jedem Auftritt schwächer. Der junge Australier, 1869 geboren, hatte seine Karriere als Rezitator kaum begonnen, da drohte ihr schon das Ende. Was immer ihm Ärzte und Spezialisten verschrieben, Medizin, andere Stimmtechniken, oder einfach die Stimme zu schonen - nichts half. Die Heiserkeit wurde schlimmer. Zeitweilig versagte die Stimme ganz. Alexanders berufliche Existenz stand auf dem Spiel. To speak or not to speak - that was the question.

Nicht nur die Stimme versagt

Was ist die Ursache meiner Heiserkeit, fragte Alexander seinen letzten Arzt. Was mache ich falsch, wenn ich meine Stimme benutze, was stelle ich mit ihr an, dass sie heiser wird? Der Arzt konnte ihm keine Antwort geben. “Dann muss ich versuchen, es selbst herauszufinden." Mit diesen Worten begann Alexanders langer Weg der Selbsterfoschung und Selbstheilung. Vor dem Spiegel studierte er von nun an - mehrere Stunden am Tag - die Art, wie er sprach. Beobachtete die kleinsten Bewegungen seines Kopfes, das Herunterdrücken des Kehlkopfes, das Einsaugen und Schnappen nach Luft, und kam bald zu einem erstaunlichen Ergebnis. Das Versagen seiner Stimme war kein singuläres Symptom. Sein gesamter Organismus war an diesem Versagen beteiligt. Alexander, der schon als Kind viel unter Krankheiten und Atembeschwerden gelitten hatte, lernte mit jedem Tag mehr über das komplexe Zusammenspiel von Kopf, Hals, Nacken und Rücken. Viele schädliche Angewohnheiten nahmen hier ihren Ursprung. Und neben den physischen Mechanismen spielten offenbar auch psychische Mechanismen eine Rolle, so dass sich das Forschungsgebiet Alexanders noch erweiterte.

Revision des Ganzen

Die Einsicht ist bekanntlich der erste Weg zur Besserung. Hinzu kam nun der noch schwierigere Weg der konkreten Veränderung. Alexander stellte bald fest, dass er seinen eigenen Sinnen nicht trauen konnte. Wenn er glaubte den Kopf nach oben zu bewegen, zog er ihn in Wahrheit zurück. Immer wieder musste Alexander im Spiegel seine Selbstwahrnehmung überprüfen. Und vor allem mußte er lernen, die sich immer wieder einschleichenden instinktiven Reaktionen abzustellen. Innehalten und sich eine neue Richtung geben. Das dauerte lange. Doch am Ende gewann Alexander die Kontrolle über die verschiedenen, ineinandergreifenden Mechanismen, die sein Sprechen behindert hatten. Seine chronische Heiserkeit war gebannt. Und nicht nur das. Er hatte seinen gesamten Organismus einer Revision unterzogen. Und hatte dabei den Schlüssel für eine Methode gefunden, die nicht am Symptom kurierte, sondern beim Ganzen ansetzte. Alexanders Schlußfolgerung war einfach: Wenn die Stimme versagte, war es nicht damit getan, die Stimme in anderer Weise zu gebrauchen. Der Gesamtmechanismus musste revidiert werden. Und das galt im Prinzip auch für alle anderen Körperfunktionen. Wenn der Gebrauch einzelner Organe fehlerhaft war, musste das Ganze neu gelernt werden - der Gebrauch des Selbst, wie Alexander es nannte: “the use of the self".

Schule für das Selbst

Alexander betrachte das “Selbst" als eine Art Musikinstrument. Beim alltäglichen Spielen gewöhnt man sich leicht Techniken an, die Fehler begünstigen und ein wirkliches Weiterkommen behindern. Derart schädliche ungünstigen Techniken, die individuell sehr verschieden sind, müssen durch eine vorteilhaftere und vor allem kontrollierbare Technik ersetzt werden. Das ist der Grundgedanke der von Alexander entwickelten “Technik". Und ihr großer Vorzug ist: Sie ist universell einsetzbar. Nach der eigenen schmerzlichen Selbst-Erfahrung wurde Alexander bald auch zum Experten für andere Formen des “Selbst-Mißbrauch". Bei seinen Schauspielkollegen war er als “the breathing man" nicht nur ein geschätzter Ratgeber in Frage des Atems. Auch Ärzte erkannten Alexanders besondere Fähigkeiten und vertrauten ihm Patienten an, die unter komplexen Funktionsstörungen litten. Alexander wurde Direktor des “Operatic and Dramatic Conservatorium" in Sydney und arbeitete weiter an der Entwicklung und Verfeinerung seines Verfahrens. Mit dem Umzug nach London (1904) wurde die nach ihm benannte “Alexander-Technik" nun auch in Europa und Amerika bekannt. Mit 58 Jahren gründete Alexander in London eine private Grundschule, in der seine Technik vermittelt wurde. Drei Jahre später entstand hier die erste Ausbildungsklasse für Alexanderlehrer. Mit 79 Jahren erlitt Alexander einen Schlaganfall mit halbseitiger Lähmung. Noch einmal gelang es ihm, mittels der von ihm selbst gewonnen Technik die Kontrolle über sich selbst, die volle Bewegungsfähigkeit, zurückzugewinnen.

Frederick Matthias Alexander starb 1955 im Alter von 86 Jahren. Die von ihm entwickelte Technik wird heute von mehr als 3000 Lehrerinnen und Lehrern in der ganzen Welt unterrichtet.


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